Zauberhaftes Verona
In Verona ist alles auf kleinstem Raum versammelt: Geschichte, Kultur, Architektur, Musik und Emotionen. Die Stadt der Balkone – einer wurde dank Romeo und Julia weltberühmt – bietet auch Genussreisenden unvergessliche kulinarische Momente.
Romantisch veranlagte Menschen finden in Verona ihre Erfüllung. In der Via Capello beginnt ein wahrer Gefühlsmarathon unter dem Balkon, auf dem Julia angeblich ihren Romeo erwartete. Weiter geht’s zum Liebesbrunnen am Vicolo San Marco und dann zu Julias Grab im Kloster San Francesco al Corso. Tausende von Liebesbotschaften in allen Sprachen zieren die Wände an diesen Orten, rosa Briefchen stecken in den Mauerritzen. Wer will, kann in der Casa di Giulietta sogar heiraten. Dass der berühmte Balkon erst im 20. Jahrhundert angebaut wurde, ist den Verliebten von heute egal. Und die Veronesen mussten sich ja schliesslich bei der touristischen Inszenierung von Shakespeares Drama für einen der abertausend zauberhaften Balkone entscheiden, die für ihre Stadt so typisch sind.
Auch Studienreisende sind in Verona in ihrem Element: 2000 Jahre Geschichte sind auf Schritt und Tritt sichtbar und erlebbar. Am Ufer der Etsch liefen die wichtigsten Handelsstrassen der Römer zusammen. Die Stadt beherbergte während ihrer langen Blütezeit grosse Maler und Dichter, darunter Giotto und Dante Alighieri, alle hinterliessen ihre Spuren. Aus der Antike stammt das zweitgrösste und am besten erhaltene Amphitheater der Welt, die Arena, heute ein Mekka für Opernfans.
Verliebte, Kulturfreunde, Musikliebhaber und Pauschalreisende aus aller Welt bevölkern die Strassen und Gassen der berühmten historischen Altstadt Veronas. Kein Wunder herrscht zum Teil ein unbeschreibliches Geschiebe und Gedränge unter den Balkonen. Dennoch verliebt man sich augenblicklich in die Stadt. Das liegt zum einen an der wirklich überwältigenden Schönheit Veronas und zum anderen an den Veronesen die, trotz der vielen Touristen, heiter und gelassen Gastfreundschaft und Qualität zelebrieren.
Kulinarische Entdeckungen
Unseren kulinarischen Rundgang beginnen wir bei der Kirche San Zeno. Für Fans der italienischen Küche ist dies ein beinahe ebenso wichtiger Ort wie Julias Balkon für Verliebte: Hier soll die Geburtsstätte der Gnocchi sein! Der Legende nach wurde Verona im 16. Jahrhundert von einer Hungersnot heimgesucht. Um einen Aufstand der Bevölkerung zu verhindern, wurden reiche Bürger aufgefordert, den Einwohnern auf eigene Kosten Essen zu geben. Der Arzt Tommaso da Vico tischte kleine Bällchen aus Kartoffeln und Mehl auf und wird bis heute als «Papà del Gnocco» gefeiert.
Ob die Geschichte wahr ist oder gut erfunden? Eines stimmt ganz sicher: Die Gnocchi im Ristorante Al Calmiere an der Piazza San Zeno sind ein Gedicht! In diesem sympathischen Familienbetrieb haben sich die Gastgeber Piero Battistoni und Morena Zanardelli auf traditionelle Veroneser Gerichte spezialisiert. Das grosse Schlemmen beginnt mit kleinen Polenta-Dreiecken, am offenen Feuer geröstet und mit Schweineschmalz sowie einer Scheibe Veroneser Salami «soppressa» belegt. Danach hausgemachte Pasta, anschliessend «carni bollite» – verschiedene gekochte Fleischsorten vom Wagen – mit pikanter grüner Sauce und Meerrettich und später eine «panna cotta», die auf der Zunge vergeht. Noch Wünsche offen? Dann vielleicht zur Krönung des Festschmauses einen «vino da seduzione», ein kleines Gläschen verführerischen Süssweins.
Schlendern und verweilen
Im Anschluss empfehlen wir einen ausgedehnten Spaziergang entlang der Etsch. Oder – um sich für das Nachtessen fit zu trimmen – einen Besuch des Castel San Pietro hoch über der Stadt. Die vielen Stufen zu erklimmen ist schweisstreibend, fördert die Verdauung und wird belohnt mit einem umwerfenden Rundblick über die Stadt. Von hier oben erkennt man, wie perfekt sich die Altstadt in die Etschschleife schmiegt und wie gut Verona in vergangenen Zeiten durch Fluss und Hügel vor Angreifern geschützt war. Zurück in der Stadt streift man am besten immer der Nase nach durch die Gassen. In den uralten Mauern stösst man auf Trouvaillen wie die Antica Tipografia Artistica Arche Scaliere. Die sympathische junge Veroneserin Rosanna Conte führt zusammen mit ihrer Mutter Carla die 1750 gegründete Druckerei ihrer Familie in die Zukunft. Mit den museumsreifen Maschinen und uralten Schriften drucken die beiden Frauen nicht nur wunderschöne Kunstkarten auf handgeschöpftem Papier – sie erklären und zeigen auch gern, wie die Druckerkunst in früheren Jahrhunderten betrieben wurde.
Beim entspannten Stadtbummel entdeckt man auch die Bottigleria Corsini. Die Terrasse dieser stilvollen Enothek und Bar liegt direkt an der Stadtmauer, nur einen Steinwurf entfernt von der berühmten Arena. Und zur Freude aller, die hier ihren Apéro geniessen, ist das Corsini ein Tempel der Italianità. Geboten wird eine grosse Auswahl hervorragender Weine, viele davon im Offenausschank, zu jedem Glas reicht man grosszügig feinste Veroneser Antipasti. Wer rechtzeitig einen Tisch bestellt, kann im Corsini im Glanze des grossen, funkelnden Kristalllüsters auch speisen.
Eleganz, Stil und Stars
Uns zieht es ins L’Oste Scuro, ein Restaurant in einer stillen Gasse, in dem man sich ganz der schonenden Zubereitung von Meeresfrüchten verschrieben hat. In der Küche zaubert die Crew um den Chef Simone Albertini aus fangfrischen Fischen, Muscheln, Austern und Krustentieren wahre Kunstwerke des unverfälschten Geschmacks. Viele Speisen kommen roh oder lediglich sanft mariniert auf die Tische des kleinen, intimen und eleganten Lokals.
Das pure Gegenteil ist das Tre Marchetti von Roberto und Matteo Barca. Hier ist es gemütlich, lustig und manchmal schmettert jemand eine Arie! Denn die Trattoria liegt nicht nur unmittelbar neben der Arena, sie ist auch das Lieblingsrestaurant der Sängerinnen und Sänger, die auf der Bühne des Amphitheaters bis tief in die Nacht auftreten. Während der Opernsaison geht im Tre Marchetti bis vier Uhr in der Früh die Post ab. Wer Glück hat, rollt seine Spaghetti aglio-olio-peperoncino e gamberetti neben einem berühmten Tischnachbarn auf die Gabel. Von weltbekannten Sängern wie Placido Domingo und José Carreras über Stars wie Bruce Springsteen und Whoopi Goldberg bis zu italienischen Unterhaltungsgrössen wie Beppe Grillo reicht die – schier endlose – Gästeliste.
Illustre Persönlichkeiten kann auch das Al Bersagliere zu seinen Kunden zählen. Doch in dieser sehr speziellen Osteria geht es ganz ruhig und familiär zu. Man speist in verschiedenen kleinen Räumen, die – wie die Wohnzimmer verschiedener Menschen – in unterschiedlichen Stilen eingerichtet sind. Das ist individuell und originell! Leopoldo und Marina Ramponi führen das Lokal gemeinsam mit ihrem Sohn Alessandro so persönlich, als ob sie gerade mal ein paar Freunde zum Nachtessen eingeladen hätten. Wer sich als Weinkenner erweist, darf vielleicht mit Papa oder Sohn Ramponi in den Keller steigen, wo man sich gemeinsam über die vielen guten Jahrgänge hervorragender Ripassound Amarone-Weine freuen und ein wenig fachsimpeln kann. Denn auch das ist typisch für die Stadt an der Etsch: Gäste, die Gutes zu schätzen wissen und lustvoll essen, trinken und geniessen, werden von den Veronesen umgehend ins Herz geschlossen.







