Kraftvoller Genuss

Wer mit Loris Zanolari vom schweizerischen Poschiavo ins italienische Tirano fährt, entsteigt dem Auto nach gut halbstündiger Fahrt klüger als zuvor. Der 32-Jährige weiss viel über die wechselvolle Geschichte der Bergtäler Puschlav und Veltlin – von den mittelalterlichen Drei Bünden über die napoleonische Repubblica Cisalpina bis zu den heutigen menschlichen und wirtschaftlichen Verflechtungen. «Wir Puschlaver sind stolze Schweizer», resümiert Zanolari, während ihn der italienische Grenzposten grüssend durchwinkt, «aber wir sind traditionell nach Süden orientiert. Vom Gefühl her liegt für uns das Veltlin nicht im Ausland.»
Die Familie Zanolari ist Kopf, Herz und Seele des renommierten Puschlaver Weinbaubetriebes Plozza. Das Stammhaus befindet sich in Brusio, die Rebberge von Plozza Vini und die Produktion liegen im Veltlin. Das stete Pendeln zwischen der Schweiz und Italien ist seit Generationen für Menschen, Maschinen und Rebensaft ganz selbstverständlich.

Ein besonderes Weinbaugebiet

Das Veltlin gehört zur Lombardei. Es beginnt im Nordosten im Kessel von Bormio und endet mit der Mündung des Flusses Adda in den Comer See. Als Weinbaugebiet der Spitzenklasse wurde das rund 50 Kilometer lange Tal schon von den Etruskern und den Römern geschätzt – und dies, obwohl die Rebberge zu den steilsten der Welt gehören. «Während Hunderten von Jahren haben unsere Vorfahren hier Terrassen für die Rebstöcke geschaffen», sagt Loris Zanolari. «Sie haben unglaubliche 2500 Kilometer Trockenmauern gebaut!» Auf den dem Berg abgetrotzten Böden gedeihen, in idealem Mikroklima, die edlen Nebbiolotrauben, die sonst nur noch im Piemont heimisch sind.
Aber nicht nur das Anbaugebiet ist bemerkenswert, es wird im Veltlin auch ein ganz besonderer Wein gemacht – der Sforzato. Ähnlich dem Amarone im Valpolicella wird der Sforzato nach einem uralten Verfahren produziert, das noch aus römischer Zeit stammt. Dabei werden die Trauben nach der Ernte in «Fruttai» genannten luftigen Räumen auf Holzgittern ausgebreitet und über 100 Tage getrocknet. So entwickeln sie eine hohe Zuckerkonzentration, aber auch eine Verdichtung aller anderen Inhalts- und Geschmacksstoffe. Wenn die Trauben nur noch 60 Prozent ihres ursprünglichen Gewichts aufweisen, werden sie gepresst und ihr Saft wird vergoren. Dies alles ist genau festgelegt und kontrolliert, denn Sforzato trägt seit 2001 das Gütesiegel DOCG (Denominazione di Origine Controllata e Garantita), das in Italien die regionale Abstammung eines Produkts oder – wie beim Sforzato – auch das Verfahren seiner Herstellung garantiert.

Die Himmelsleiter hinauf und hinab

Loris Zanolari zeigt die Rebberge von Plozza Vini am Ortsrand von Tirano. Steinige Stufen führen wie eine Himmelsleiter steil empor. Die Terrassen sind schmal, auf einigen stehen nur vier, fünf Rebstöcke. «Hier Reben zu pflegen und Trauben zu ernten ist harte körperliche Arbeit», sagt Loris Zanolari. «Maschinen oder Traktoren können aufgrund der Steillagen nicht eingesetzt werden. Jede abgeschnittene Ranke, jede Beere wird zu Fuss ins Tal hinabgetragen. Wir rechnen mit 1200 Arbeitsstunden pro Hektare – rund 40 sind es in den Weinbaugebieten der Neuen Welt.» Unzählige Male steigen die Weinbauern die Rebberge hinauf, besonders während der Ernte, die in mehreren Etappen stattfindet. Die Trauben für den Sforzato zum Beispiel müssen kurz vor der normalen Lese geerntet werden, damit ihre Haut noch fest genug ist, um den Trocknungsprozess in den Fruttai zu überstehen. «Sobald eine Traube verletzt ist, schimmelt sie», erklärt Loris Zanolari. «Das wollen wir natürlich nicht!»
Die Fruttai liegen in den Dachgeschossen des historischen Plozza-Gebäudes in Tirano. In luftiger Höhe werden hier die Trauben für den Trocknungsprozess behutsam auf Holzroste gelegt. Gut fünf Stockwerke weiter unten, im alten Kellergewölbe, stehen 15 riesige Holzfässer – das älteste ist bereits seit 80 Jahren im Einsatz. Hier unten, 17 Meter unter der Erde, herrschen Sommer wie Winter 13 Grad bei idealer Luftfeuchtigkeit. In diesen gewaltigen Fässern aus Kastanienholz wird der Sforzato nach DOCG-Regeln mindestens zwölf Monate ausgebaut, bevor er in anderen Fässern reifen darf.

Die Geschichte von Plozza

«Auf unseren Sforzato sind wir besonders stolz», sagt Andrea Zanolari. Der ältere Bruder von Loris ist Geschäftsführer von Plozza. Für das Unternehmen hat der Sforzato auch emotional Bedeutung. Denn Pietro Plozza, der Gründer des Betriebes, gehörte zu den Ersten, die diese Spezialität in der Schweiz bekannt machten. «Unsere Geschichte beginnt am 19. März 1919», erzählt Andrea Zanolari. An diesem Tag entstieg der 29-jährige Pietro Plozza, Angestellter der Rhätischen Bahn, in Tiefencastel einem Zug und rollte ein 50-Liter-Weinfass über die Rampe. Der junge Mann hatte die Idee, Veltliner Wein literweise an Hotels, Läden und Private zu verkaufen. Und er war damit erfolgreich! In den darauf folgenden Jahren baute Pietro Plozza in Brusio und Tirano Kellereien. Er erwarb Rebberge und wurde zum «Coltivatore ». Schon damals legt Pietro Plozza das Hauptgewicht auf ökologischen Weinbau – das ist bis heute so geblieben.
Besonders der Sforzato faszinierte Pietro Plozza. Dieser Wein war im Veltlin seit dem Mittelalter bekannt, er wurde sogar als Heilmittel eingesetzt. Plozza erkannte das Genusspotenzial des eigenwilligen Kraftpakets. Er begann seinen Kunden zu einer guten Bestellung kostenlos ein paar Flaschen Sforzato beizugeben. «Das halten wir noch heute so», lacht Andrea Zanolari. «Die Nachbestellungen begeisterter Weinfreunde bleiben dann nur selten aus …»
Pietro Plozza gab erst im Alter von über 70 Jahren die Zügel aus der Hand. Ein neuer Abschnitt des Betriebes begann 1973 mit der Gründung der Plozza SA. Marco Zanolari, heute 72, übernahm damals die Führung. Unter seiner Regie und später der seiner Söhne Andrea und Loris folgten ein Neubau in Brusio sowie der Bau eines topmodernen Gebäudes mit Barriquekeller in Tirano. «Unser Ziel ist es, grosse Veltliner zu produzieren », erklärt Andrea Zanolari. «Aber wirklich gute Weine entstehen nicht einfach so. Es braucht viel Wissen, viel Zeit und optimale Ausbaumöglichkeiten. Aus diesem Grund lassen wir unsere Weine heute hauptsächlich in den kleinen Barriques heranreifen, obwohl dies sehr arbeits- und kostenintensiv ist. Wir sind überzeugt, dass sich der Aufwand lohnt!» Damit könnte er Recht haben. Die charaktervollen Plozza-Weine aus dem Veltlin heimsen nicht nur jede Menge Auszeichnungen ein, sie sind auch unter Kennern Kult.