Enira - Bessa Valley
Enira – das neue Weingut von Graf Stephan von Neipperg
Eine meiner letzten Weinreisen führte mich nach Bulgarien. Begleitet wurde ich dabei von Graf Stephan von Neipperg, einem Weinproduzenten, den ich seit einigen Jahren kenne. Auch wenn Neipperg deutsche Wurzeln hat, so sind es doch vor allem seine Weingüter aus Bordeaux, die ihn weltweit bekannt gemacht haben. Ich denke zum Beispiel an Château Canon-la-Gaffelière, Clos de l'Oratoire, Château Peyreau, La Mondotte oder Château d’Aiguilhe.In der Heimat des Dionysos
Aber wie gesagt, wir reisten nicht nach Bordeaux, sondern nach Bulgarien. Denn hier hat Stephan seine neuste Kellerei eröffnet. Sie heisst Bessa Valley Winery, und die hier vinifizierten Weine tragen den Namen Enira. Das sei ein bekannter Name aus dieser Gegend, erklärte mir Stephan. Eine Prinzessin soll so geheissen haben. Auch die Bezeichnung Bessa Valley – Tal der Bessianer – hat eine historische Bedeutung: Die Bessianer waren ein Stamm der Thraker, die hier vom 5. bis zum 4. Jahrhundert vor Christus lebten und bereits Wein kultivierten. Interessanterweise stammte auch der Weingott Dionysos aus diesem Gebiet, was mich natürlich noch neugieriger machte, die neuen Weine der Bessa Winery zu verkosten. Denn schon den Gedanken daran, dass der Weingott Dionysos vom Wein dieser Region verführt wurde, empfinde ich als einzigartig.
Die Anfänge der Bessa Winery
Die Bessa Valley Winery setzt sich aus 300 Hektaren Land zusammen, von denen mittlerweile 140 bepflanzt sind. «Bevor wir unser Land neu kultivieren konnten, gab es hier schon Reben“, erklärt Stephan. Allerdings seien diese zerstückelt und auf Hunderte von winzigen Rebbergen verteilt gewesen. Inzwischen stehen Neipperg’s Reben in voller Blüte. Er begann mit deren Kultivierung 2004 – einer Zeit, in der in Bulgarien der Weinbau wieder zelebriert werden konnte. Das war nicht immer so, und im Vergleich zu Weingegenden in Westeuropa hatte es die Weinkultur im Osten nicht immer leicht. Lassen sie mich noch einmal etwas in der Zeit zurückgehen.
Geschichte des bulgarischen Weinbaus
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die meisten bulgarischen Weinbaubetriebe sogenannte Winzergenossenschaften, denen viele kleine Grundbesitzer ihre Trauben ablieferten. In den 30-er Jahren ging dann die Ein- und Ausfuhr von Wein und Tafeltrauben, die damals als Exportgut viel wichtiger waren, in die Hand des Staatsmonopols Vinprom über. Als 1947 die kommunistische Regierung an die Macht gelangte, verstaatlichte sie den Weinbau und machte sich daran, die Rebfläche zu rationalisieren. Die bis dahin üblichen Kleinbesitzungen von jeweils rund einer Hektare wurden von viel grösseren Genossenschaftsbetrieben aufgesogen. In den 60-er Jahren wurden die Betriebe in agroindustrielle Komplexe weiterentwickelt, die neben landwirtschaftlichen Produkten auch Düngemittel, Schädlingsbekämpfungsmittel und Agrochemikalien hervorbrachten. Zur gleichen Zeit fanden auch neue Rebsorten in Bulgarien Einzug. So mussten die einheimischen Sorten Mavrud, Melnik, Pamid und Gamza dem Cabernet Sauvignon und dem Merlot weichen. Bei den Weissweinsorten wurden Rkat und Welschriesling vom echten Riesling sowie von Chardonnay und Sauvignon Blanc verdrängt. Bis zu den 80-er Jahren machte Bulgarien grosse Fortschritte, was Qualität und Export anbelangt.
Schwere Zeiten
Als Gorbatschow jedoch in der Sowjetunion die Führung übernahm, hatte dies leider schwerwiegende Auswirkungen auf den bulgarischen Weinbau. Gorbatschows Kampagne zur Verringerung des Alkoholverbrauchs führte dazu, dass in Bulgarien riesige Weinfelder gerodet werden mussten. Damals war es zudem üblich, dass die Traubenpreise Jahr für Jahr ohne Rücksicht auf die Qualität festgelegt wurden. Ein Zustand, der viele Genossenschaften dazu verleitete, sich auf andere landwirtschaftliche Produkte zu konzentrieren. So waren Anfang der 90-er Jahre knapp 40 Prozent der bulgarischen Rebbestände entweder in ihrer Ertragsleistung zurückgefallen oder gar ganz abgestorben. Der Vergleich zeigt: 1985 lag die Jahresproduktion bei 4,5 Millionen Hektoliter Wein, 1990 betrug sie lediglich 1,8 Millionen Hektoliter. Im gleichen Jahr wurde der Weinbau im Zug der Marktreformen und nach dem Sturz des Kommunismus plötzlich liberalisiert und Vinprom aufgelöst.
Es geht voran….
Das Land befindet sich zurzeit immer noch in dieser Umstellung auf die freie Marktwirtschaft. So wird das Rebland an seine ehemaligen Besitzer zurückgegeben, wobei die Kellereien grosses Interesse haben, mit den einzelnen Winzern zusammenzuarbeiten. Aus diesem Grund helfen sie ihnen bei der Finanzierung der neuen Technologien und stehen ihnen als Berater zur Seite. So viel zur Vergangenheit. Auch wenn die Bessa Valley Winery noch jung ist, so glaube ich doch sehr daran, dass sie ein Meilenstein in der modernen Geschichte des bulgarischen Weinbaus ist. Ich sage das, weil es in weniger bekannten Weinregionen immer einen Vorreiter oder einen Botschafter braucht, der mit seinen Weinen sich selbst und die ganze Region bekannt macht. Als ich Stephan Neipperg fragte, warum er für sein neues Weingut ausgerechnet Bulgarien ausgesucht hatte, meinte er kurz: «Warum nicht?», und fügte schnell hinzu: «Meine Mutter liebte Weine aus Bulgarien. Als ich klein war, wurden bei uns zu Hause immer bulgarische Weine serviert, so dass ich eine gute und sehr familiäre Erinnerung an sie habe».
Ein Projekt mit Zukunft
Auf seinem Weingut Bessa Valley hat Stephan Neipperg beste Unterstützung: Manager der Kellerei ist der französische Önologe Marc Dworkin, der auch Weine in Bordeaux, China, Rumänien und Israel produziert . Marc und Stephan kennen sich seit bald 20 Jahren. Doch dies ist das erste Weinprojekt, in welchem sie zusammenarbeiten. «“Hier in Bulgarien haben wir ein ganz tolles Terroir, und für die Weine sehe ich eine grosse Zukunft “, schwärmt Marc. Seine Begeisterung zeigt sich auch beim Verkosten des Weins. Denn kaum bin ich auf dem Weingut angekommen, befinden wir uns schon im modernen Weinkeller am erkosten. «Hhmmm, diese Frucht und diese eleganten Tannine», meint Marc nach der ersten Fassprobe. Ich verkoste mit ihm und komme ebenfalls schnell ins Schwärmen. So viel Frucht, Eleganz, Schmelz und Fülle, und das bei so jungen Weinen. Auch bin ich ganz beeindruckt, wie gross der moderne Barriquekeller ist. In seiner Art erinnert er mich an einen typischen Keller des Bordelais. Auf dem Weingut werden bis jetzt praktisch nur Rotweine hergestellt. Und zwar aus den Sorten Merlot, Syrah, Petit Verdot und Cabernet Sauvignon. “Im ersten Jahr vinifizierten wir nur einen Enira“, erklärt Stephan. „Im Zweiten gab’s Enira und Enira Reserva. Ein Jahr später ist die Zahl der Weine bereits auf fünf gestiegen – Easy by Enira, BV by Enira, Syrah, Enira Reserva und Enira. Wir haben mit 20'000 Flaschen begonnen und wollen 600'000 Flaschen erreichen“. Der Oenologe Marc freut sich besonders über die Kreativität im Weinbau: „Im Vergleich zu Bordeaux sind wir hier viel freier. Dort gibt es immer einen Hauptwein und einen Zweitwein. Hier können wir marktgerechtere und kundenfreundlichere Weine produzieren. Denn wir vinifizieren je nach Qualität und Art der Trauben verschiedene Weine.“
Keine Überraschungen – oder etwa doch?
Als wir aus dem Keller kommen, ist es draussen schon dunkel – und still. Sehr, sehr still. «Diese Stille ist fantastisch», flüstert Stephan. Und tatsächlich, ich höre nur meinen Atem und fühle das weite, unbebaute Land, das die Bessa Valley Winery umgibt. Auch habe ich das Gefühl, dass wir die einzigen Menschen weit und breit sind - wären da nicht die fünf Soldaten in Tarnanzügen, die auf dem Gut Patrouille stehen. So klärt mich Stephan auf: «Wir müssen die Winery streng bewachen, sonst würde vieles gestohlen. Leider sind die sozialen Unterschiede in Bulgarien noch gross. Diese Wachpersonen leben hier auf dem Weingut. Sie haben ein Haus beim Eingang und sorgen dafür, dass wir keine Überraschungen erleben.» Mich hat die Bessa Valley Winery sehr überrascht – aber im positiven Sinn. Das Weingut ist wohl noch jung, aber was ich bis jetzt verkostet habe ist schlicht spitze: Reife, schöne Frucht, viel Charme und Balance zwischen Alkohol, Tanninen und Säure. Kurz – es sind ganz tolle Weine, die etwas an moderne Bordeaux-Weine erinnern, wobei sie geschmeidiger wirken. Ich bin mir sicher, dass die Enira Weine in der Schweiz Begeisterung auslösen werden und freue mich sehr, dass Manor an der Entwicklung dieser Kellerei mithelfen kann.
Ursula Beutler, Weinverantwortliche Manor